Deutschlandfunk 2018 Feature WUT - Über ein explosives Gefühl

Dem einen kommt die Galle hoch, dem anderen platzt der Kragen. Das unerträgliche Gefühl von Wut kennt jeder, doch die Auslöser dafür sind unterschiedlich - ebenso wie der Umgang damit: Es gibt Menschen, die ihren Ärger verdrängen, andere, die ihm schamlos Luft machen. (Auszug aus einem Feature im Deutschlandfunk im März 2018 von Sabine Fringes) 

 Musik

0 46 Pfeifer:
Wut spielt insofern in Unternehmen oder überhaupt im Leben eine Rolle, in sofern, es eigentlich im Westen gar nicht vorkommt. Wenn wir Wut jetzt weiter fassen und sagen, es geht um Emotionen, dann leben wir in einem Kulturkreis, der Emotionen eher unterdrückt und kontrolliert. 

Erzählerin:
Die Meditationslehrerin Dwariko Pfeifer. Die studierte Arbeitswissenschaftlerin und Soziologin führt Gesundheitsprojekte in Unternehmen durch und untersuchte in einer Studie die Wirkung der „Dynamischen Meditation“. Eine
aktive Meditationsform, in der in einer Phase alle Gefühle ausgedrückt werden dürfen, auch die Wut. 

0 47 Pfeifer:
Es gibt ein Reiz-Reaktionsschema, das wir internalisiert haben über unsere Erziehung, Eltern, Lehrer, unser Umfeld. Und dann springen wir darauf an und es läuft einfach wie es läuft.
Und über die Meditation, dass wir das so wie aus einer Vogelperspektive betrachten können, aus einer Metaebene heraus, dann bekommen wir eine Distanz zwischen dem Impuls von außen und unserer ursprünglichen Reaktion darauf. Wir brauchen nicht wie ein Automat anzuspringen, sondern die Distanz ermöglicht uns eine freie Entscheidung: Wollen wir das jetzt? Oder wollen wir es nicht! Das macht die Souveränität im Handeln aus und auch eine größere Authentizität. 

Zitatorin: 

Erste Phase:
Atme so schnell und heftig wie du kannst – und dann noch heftiger – bis du nur noch Atmen bist. 

Erzählerin:
Montag früh, sieben Uhr im Osho-Uta-Institut in Köln. In dem spirituellen Zentrum, werden Meditationen und Therapien im Geiste von Osho angeboten. Der indische Philosoph und Guru war bis zu seinem Tod im Jahr 1990 auch unter dem Namen Bhagwan bekannt. Doch man muss kein Anhänger sein, um das Angebot des Instituts nutzen zu können. 

Atmo hoch 

Etwa fünfzehn Männer und Frauen stehen in weitem Abstand voneinander entfernt in einem Raum, den nur ein mattes Licht erleuchtet. Sie haben Jeans, Anzug und Kostüm getauscht gegen Sportbekleidung. 

O 48 Pfeifer:
Ich selber habe mehrere, sehr schwere Lebenssituationen gehabt, die ich einfach bewältigen musste, wo es um Tod ging und um schwere lange Krankheiten, wo ich funktionieren musste. Als ich dann alleine am Grab stand Freunde sagten denk dran Haltung bewahren. Also Haltung bewahren war wichtiger als Gefühle zu zeigen. Und das ist kein Einzelfall, sondern ist ein Beispiel für die Konditionierung des westlichen Menschen.
Und ich kannte die Dynamische, ich praktiziere sie seit 1989, regelmäßig, da bin ich aber angefangen und habe vierzig Tage am Stück, jeden Morgen die Dynamische gemacht und konnte dadurch einfach das loswerden, was sich im Körper gesammelt hat. 

Atmo und Musik: Dynamische Medi, 2. Phase 

Zitatorin:
Zweite Phase:
Explodiere! Lasse alles raus, was raus will. Werde total verrückt. Schreie, brülle, weine, hüpfe, schüttle dich, tanze, singe, lache, tobe oder wälze dich auf dem Boden herum. Halte nichts zurück, halte deinen ganzen Körper in Bewegung.... 

O 49 Pfeifer:
Und das konnte ich genau erleben: Also ich bin nicht nur mit der Trauer konfrontiert worden, damals, ich bin auch an Punkte gekommen, wo ich einfach wütend war, dass derjenige gegangen ist, mit dem ich so viele Jahre lang zusammen gelebt habe. Also Wut auf das Schicksal. Wut auf mich, dass ich das nicht hatte verhindern können. Und das aber ausdrücken zu können war ein wunderbarer Akt der Befreiung. 

Musik hoch 

Zitatorin:
....Lass nicht zu, dass dein Kopf sich einmischt. Sei total, sei mit ganzem Herzen dabei. 

O 50 Pfeifer:
Wenn wir mal geschichtlich gucken, dann fußen ja alle Meditationstechniken, die es gibt, sei es ein Mantra oder sei es eine Atemmeditation, auf der buddhistischen Vipassana-Meditation, der Einsichtsmeditation: Wir nehmen wahr, was mit uns los ist, wir beobachten den Atem oder die Gedanken. Und der indische Philosophieprofessor Osho, er war ein großer Mystiker, und hat 1964 diese aktive Meditation entwickelt. Und ich finde sie sehr genial, weil sie diese östliche Weisheitslehre mit der Achtsamkeit verbindet mit der westlichen Psychologie, die damals aufkam. Er hat gewusst, wir müssen aktive Elemente einbringen damit das rausgelassen wird. Stichwort der kontrollierte Westen. Während der Osten aus dem er kommt, aus Indien, eher die Kultur des Lassens, der Hingabe, des Weiblichen kultiviert hat, über die Jahrtausende. 

Atmo und Musik: Dynamische Medi, 3. Phase: Hüpfen, Menschen rufen „Hu“ 

Zitatorin:
Dritte Phase.
Springe mit erhobenen Armen auf und ab und rufe dabei das Mantra „Huh! Huh! Huh!“ so tief aus dem Bauch heraus wie nur möglich. 

O 51 Pfeifer:
Wir springen wie die Verrückten hoch und runter. Und dieses „Hu“, soll sein wie ein Pingpongball, innerhalb von 10 Minuten. Und mitten in diesem „Hu“ und Springen kommt ein „Stopp!“ 

Atmo und Musik: Stopp! Zitatorin: 

Vierte Phase: 

O 52 Pfeifer (erklärt die vierte Phase):
Und dann bleiben sie stehen, so wie sie stehen. Vielleicht sind Knie gerade eingeknickt. Und trotzdem frieren sie ein.
Und dann stehen sie und da kann das Mystische über sie kommen. Wenn wir es anders ausdrücken, kann es zu transpersonalen Erfahrungen kommen: das Gefühl geschützt und geborgen zu sein, Gleichmut, Gelassenheit, Glück, und insbesondere ein Gefühl der Verbundenheit mit etwas größerem Ganzen. 

Es ist das Gefühl der Einheit. Wir leben ja in einer dualen Welt. Deshalb ist die Dynamische so spannend, weil sie auch dual ist, von Aktion auf Hingabe.
Was mich daran begeistert hat, das war auch die These: Dass der Weg selber in der eigenen Hand liegt. Und sagt: ich habe jetzt alles getan. Das Göttliche tritt ein, wenn du alles getan hast. 

Musik der Dynamischen Meditation, Phase 5 

Zitatorin:
Fünfte und letzte Phase:
Gehe mit der Musik, tanze, drücke deinen Dank an die Schöpfung aus und nimm dieses Glücksgefühl mit in den Tag. 

Musik hoch 

Erzählerin:
Es ist acht Uhr. Duschen, anziehen, ein Kaffee in der Bäckerei nebenan.
Die Farben wirken stärker, die Welt bunter. Ein Gefühl von Frische und Kraft - und von einer großen Nähe und Verbundenheit zu anderen.
Schmerz, Trauer, Wut – aber dann auch Freude, Verspieltheit, Verrücktheit, Tanz. Und die tröstliche und zugleich klare Erkenntnis:
Jeder Mensch hat dieses Repertoire, diese große Farbpalette von Gefühlen, Bedürfnissen und Sehnsüchten in sich. 

Musik hoch 

O 53 Pfeifer:
Wut ist ja kein Kunstprodukt. Wut ist da und wenn sie rausgelassen wird, ist sie auch weg. Wenn wir uns Choleriker ansehen, die haben vielleicht den Vorteil, dass sie tatsächlich die Wut auch einfach so rauslassen können, die ist aber häufig gegen jemand anderes gerichtet.
Der Vorteil in dieser Meditationspraxis liegt ja darin, dass es nicht mehr gegen jemand anderen geht. Wir projizieren nicht mehr unser Elend nach außen, wir gucken uns an, was passiert bei uns selber, agieren das aus und dann ist es auch gut. Energie geht nicht verloren. Die andere Seite von Wut ist diese Glückseligkeit, ist diese Gelassenheit, ist dieser innere Friede. 

Erzählerin:
Wut ist Würze, Wut ist Vitalisierung, Wut gibt Kraft zum Handeln, zum Neuanfang. Wut ist wie Chili - zu viel macht das Essen kaputt.
Wo Wut ist, ist Kreativität gefragt. Das Licht des Bewusstseins. 

Musik 

Zitator:
Einst fragte ein Zen-Schüler seinen Meister: Wie schaffe ich es, mich nicht mehr über den Egoismus meiner Mitmenschen zu ärgern? Der Zen-Meister antwortete: Stell dir vor, du gehst durch einen sonnigen Park. Es ist früh am Morgen. Ein Vogel gleitet über den See, landet auf der Bank vor dir und stimmt sein Lied an. Versunken lauschst du dem Gesang. Plötzlich rempelt dich jemand an, Schmerz schießt in deine Schulter. Ärger flutet deinen Geist. Du blickst dem Rempler ins Gesicht - und siehst dass seine Augen völlig weiß sind. Du erkennst: Ich zürne einem Blinden - und deine Wut verschwindet. Mitgefühl kommt auf. Zudem scheint er sich auch wehgetan zu haben.
Das ist der Trick, du musst dir bei einem Ärgernis sagen, dass der Mensch blind ist. Oder taub, je nachdem. Dann nimmst du dem Fall die Schuld und kannst deinen Geist in Ruhe halten. Denn fast nie wird dir ein Mensch absichtlich Leid zufügen, er hat nur seinen eigenen Vorteil im Blick. Die bitteren Früchte seiner Tat übersieht er einfach.